Blog Reisebericht

 

 

 

 

 

Mit Wohnmobil und Fahrrad durch Kroatien
Eine Reise ans Ende der Kräfte


Dienstag. Die Ankunft

 

Es ist zwei Uhr am morgen, als ich das Meer sehe. Eigentlich sehe ich es kaum, aber ich weiß, dass es da ist, denn ich habe die Küstenstraße erreicht. Fast schwarz liegt das Wasser unterhalb der Fahrbahn, nur das Mondlicht glitzert träge auf den flachen Wellenkämmen. Alles ist ruhig.

 

Nach der Fahrt durch Österreich und über kleine slowenische Landstraßen habe ich den Ort erreicht, an dem mein Urlaub beginnen soll: die kroatische Adria unterhalb Istriens. Der Tag war lang, ich bin müde, und am Straßenrand finde ich ein Plätzchen für das Wohnmobil.

Der größte Vorteil eines Wohnmobils im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln besteht darin, dass es über einen Kühlschrank verfügt, und – bei entsprechender Vorsorge – jederzeit kaltes Bier verfügbar ist. Ein solches hole ich jetzt heraus, setze mich still auf einen Campingstuhl (ebenfalls aus dem Wohnmobil, aber nicht gekühlt) und schaue den Sternen zu, die nichts weiter tun, als unbekümmert vor sich hinzuleuchten.

 



Wohnmobil Reisemobil

Mittwoch. Die Entdeckung einer Insel

 

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist das Meer immer noch da. Graublaue Wolkenberge türmen sich darüber, während auffrischender Wind die Reste morgendlicher Diesigkeit verweht. Ich koche Kaffee. Die Küstenlinie nach Süden ist ein dunstiges Einerlei, aber nach Norden hin – ganz nah – führt eine Brücke vom Festland zu einer Insel. Während ich den handgemachten Kaffee trinke öffnen sich die Wolken einen Spalt, und erste Sonnenstrahlen tauchen die Brücke in warmgelbes Licht. Glitzernd und wie eine Einladung liegt sie über dem Meer, und plötzlich kenne ich meinen Weg.

 

Wie sich bald herausstellen soll heißt die Insel Krk, und sie sieht aus, wie ihr Name klingt: schroff, vokallos und felsig. Der erste Blick scheint wenig einladend, der zweite bestätigt den ersten, und den dritten verschiebe ich auf später. Auf dem ersten Campingplatz quartiere ich mich ein und erfreue mich bester Infrastruktur: Aspirin, Hamburger und frische Bananen sind in unmittelbarer Nähe verfügbar.

 

Ich merke, dass mein letzter Campingurlaub schon länger zurückliegt: die sanitären Anlagen auf meinem Platz sind unfassbar sauber, großzügig, modern, und  würden manchem deutschen Mittelklassehotel gut zu Gesicht stehen. Nichts erinnert auch nur im Entferntesten an die Plumpsklos vergangener Tage aus Studentenbilligurlaubszeiten. Dass der Campingplatz über WLan verfügt, überrascht mich dann irgendwann auch nicht mehr. Willkommen im Südosteuropa des 21. Jahrhunderts.

 

Nachdem ich mich eingerichtet habe, beschließe ich, mir einen Überblick über die Insel zu verschaffen. Also packe ich das Fahrrad vom Träger, setze mich darauf, und trete los. Schnell zeigt sich, daß die Insel mit mehr Höhenmetern ausgestattet ist, als mir bewusst war und lieb ist. Als Flachlandradler zeigt mir der erste Höhenzug gleich unmissverständlich, wo meine Grenzen liegen. Vielleicht sollte ich doch lieber einen Roller mieten?

 

Das angrenzende Fischerdorf (mit Promenade am Meer!) hat neben den Geschäften, in denen der gemeine Tourist Ansichtskarten, Taucherflossen, Plantschtiere und Sonnenbrillen kaufen muß, tatsächlich noch einige echte Fischer in petto. Malerisch sehen sie nicht aus, aber authentisch.

 

00:20: ein Fuchs läuft über den Campingplatz.



Donnerstag. Tag der schlechten Radwege

 

Radfahren auf Krk ist etwas ganz besonderes. Die Hauptverbindungsstraße der Insel hat den Charakter einer Autobahn und gefühlt alpine Steigungen. Der Verkehr ist dicht, LKW rauschen mit minimalem Abstand an mir vorbei. Freiwillig fährt man hier nicht. Auf einer Abfahrt,  als mir noch starker Gegenwind entgegenkommt und mich eine Kolonne Autos überholt, bremse ich aus nackter Angst.

 

Also ab auf die Feldwege. Die sind steinig, schotterig und nicht weniger steil, und enden gerne – vorzugsweise nach extremer Steigung – plötzlich im Nichts. Mit meiner naiv-mitteleuropäischen Erfahrung bin ich immer davon ausgegangen, dass Wege irgendwohin führen. Reisen bildet. Also anhalten, umdrehen, zurückfahren und den nächsten Weg probieren.

 

Dann stelle ich fest, dass fehlende Radwege gar nicht so schlimm sind, denn es gibt noch eine Steigerung: angetäuschte Radwege! Einem solchen gehe ich – anfangs noch angenehm überrascht und freudig - auf den Leim, weist doch eine eindeutige Beschilderung einen  Radweg direkt zu meinem  Campingplatz aus. Der Weg beginnt mit einer drei Kilometer langen Steigung (siehe oben) und endet (siehe oben) im Nichts. Die Straße hört auf, einfach so, als ob nichts wäre. Man hat ja Urlaub, man hat’s nicht eilig. Ein Stück des Weges zurück weist ein neues Schild einen Wanderweg aus, wieder Richtung des Campingplatzes. Nach kurzer Zeit lerne ich: Wanderwege sind nicht Radwege. Wanderwege dürfen so steil sein, dass der letzte meiner 27 Gänge nicht ganz ausreicht. Irgendwie drängt sich auch die Vermutung auf, dass dem Übersetzer der kleine Unterschied zwischen „wandern“ und „klettern“ nicht ganz geläufig war. Kletterwege sind jedenfalls ganz schlecht radzufahren. Den nächsten Fehler begehe ich, als ich einen kleinen Umweg zu einer ausgeschilderten römischen Ausgrabungsstätte einschlage. Der Weg wird schlechter, Fahrradschieben wird zu Fahrradtragen. Die römische Ausgrabungsstätte offenbart schließlich spektakulär drei rudimentäre Wände  eines alten Hauses, in dem angeblich mal irgendjemand gewohnt hat, so genau weiß man es nicht. Wahnsinn! Laut Beschilderung soll der kleine Umweg wieder zum Hauptweg zurückführen. In Wirklichkeit – man ahnt es (siehe oben) – endet der Weg diesmal nicht im Nichts, aber am Meer. Zurück, zurück, zurück, tragen, schieben, tragen, und schon geht es auf halbvernünftigem Weg in die erstrebte Richtung. Ein kleiner Regenschauer dämpft die Euphorie, egal.

 

Auf dem Campingplatz besuchen mich zwei junge Katzen, vielleicht vier oder fünf Monate alt. Offensichtlich Geschwister, verspielt und unglaublich süß. Ich füttere sie mit Limburger Käse, bis sie zutraulich werden. Der Regenschauer wiederholt sich, und ich mache mich zur Strandpromenade auf. Während einer Portion Cevapcici (die Frikadelle des Balkans) wandelt sich das Dauernieseln in einen Regensturm und der Nachhauseweg wird zur Wasserschlacht. Auf dem Platz empfangen mich die Katzen (wieder Limburger Käse). Der Fuchs von gestern wiederholt seinen Auftritt. Aus Verzweiflung gehe ich weit vor Mitternacht zu Bett.



Freitag. Abschied von den Katzen.

 

Es hat die ganze Nacht geregnet, regnet tröpfchenweise weiter, und der Morgenkaffee kann nicht im Freien stattfinden. Wieder Katzen, diesmal Fütterung mit Bratwurst. Das Wetter geht mir auf die Nerven, und ich beschließe, weiter in den Süden zu fahren. Als ich vom Duschen zurückkomme, liegt Katze Nummer 1 friedlich schlummernd auf der Sitzbank des abgeschlossenen Autos. Wie ist die da reingekommen? Käse und Wurst haben sie so anhänglich gemacht, dass ich sie nur mit Gewalt entfernen kann. Aber was muss, das muss..

 

Der Weg nach Süden führt die Küstenstraße entlang. Erinnerungen an zwei Urlaube mit Freunden aus Jugendtagen werden wach, als wir mit jeweils zwei Autos nach Jugoslawien fuhren. An zwei oder drei Stellen glaube ich, Campingplätze oder Ferienwohnungen wiederzuerkennen, in denen wir damals wohnten, obwohl das 25 Jahre her ist. Gute Erinnerung oder Einbildung?

 

Unvergessen der Abend, als sich Freund Markus die legendäre Alkoholvergiftung zuzog. Während wir alle nur gelegentlich an der Whiskey-Flasche nippten, hatte Markus jegliches Maß aus den Augen verloren und gesoffen, als ob es kein Morgen gäbe. Beinahe hätte es auch keins gegeben. Als wir es bemerkten, war es eigentlich schon zu spät. Er war damals Zivi als Rettungssanitäter gewesen und konnte uns genau die Auswirkungen des Alkohols auf sein Nerven- und sonstiges System erklären. Das war, als er noch sprechen konnte. Später wurde uns klar, dass eine Alkoholvergiftung gar nicht so lustig ist. Wir fingen ihn ab, als er unvermittelt auf die Küstenstraße sprang, und teilten uns in Nachtwachen ein, die auf ihn aufpassten. Ein mulmiges Gefühl hatten wir immer dabei, im Ernstfall hätte niemand gewusst, wo ein Krankenhaus zu finden gewesen wäre, und die goldene AOK-Card war auch noch nicht erfunden. Am nächsten Tag war er blaß und leise, schien es aber überstanden zu haben. Als wir abends auf der Terrasse unseres Stammrestaurants aßen, kotzte er noch mal spontan auf den Boden. Ein peinlicher, aber unvergesslicher Moment.

 

Ich halte auf einem Campingplatz entlang der Straße. Hier ist wirklich der sprichwörtliche Hund begraben. Keine Stadt in der Nähe, keine Promenade, keine authentischen Fischer, dafür Ruhe und Abgeschiedenheit. Vor Einbruch der Dunkelheit setze ich mich aufs Fahrrad und fahre eine Stunde die Region ab. Die Straßen sind gut, leidlich flach und ich freue mich auf morgen.



Samstag. Mehr schlechte Radwege

 

 

An Kroatiens Küste hat man nie den Blich aufs freie Meer, weil immer eine Insel vorgelagert ist. Die Küsten sind felsig und fallen steil ab, zusammen mit den Inseln erinnern die schmalen Meeresstreifen an Fjorde. Kroatien ist das Norwegen des Balkans. Vieles hat sich geändert seit meinen Jugendreisen Ende der 80er. Das Gute früher war, dass alles zusammen einfach Jugoslawien hieß, heute ist es komplizierter. Die Küstenstraße fällt steil zum Meer hin ab, direkt neben der Fahrbahn beginnt der Abgrund. Die Abhänge waren damals übersät mit abgestürzten Autowracks. Irgendjemand hat sie weggeräumt, und die Straßen mit Leitplanken gesäumt. Alles wirkt irgendwie europäischer als damals. Neue Häuser werden gebaut, die Autos sind keine submotorisierten Fiat-Lizenzbauten namens Zastava (der Trabi des Balkans) mehr, sondern ganz normale handelsübliche, wie zu hause.

 

Ich wage mich mit dem Fahrrad auf die Küstenstraße. Die Sonne scheint, der Verkehr ist harmlos, und in gemütlichem Tempo rolle ich an den Buchten vorbei. Überraschend zeigt ein Schild einen Nationalpark zur Linken an, und ich biege in die kleine Seitenstraße ab. Zwei französische Radfahrer kommen mir entgegen und erkundigen sich nach der Gegend, aus der ich gerade komme. Im Gegenzug müssen sie mir Rede und Antwort zum Nationalpark stehen, aus dessen Richtung sie gerade kommen.  Den Nationalpark haben sie ausgelassen, stattdessen empfehlen sie mir einen Radweg (!), von dem sie meinen, dass ich ihn auch schaffen könnte, allerdings erst nachdem sie einen kritischen Blick auf die grobstollige Bereifung meines Rades geworfen hatten. Ich erreiche den Nationalpark, eindeutig wird hier nur, dass es Eintritt kostet und steil nach oben geht. Ich frage mich, welche Attraktionen diese Handicaps wettmachen sollen, werde aber nicht wirklich fündig. Am Eingang hängen Fotos von schneebedeckten Bäumen und einer wahrscheinlich seltenen, aber unscheinbaren Blütenpflanze. Wahrscheinlich der Enzian des Balkans. Ich verzichte auf den Park, nehme den Radweg und rechne mit dem schlimmsten. Ich werde nicht enttäuscht: der Weg ist steil, stellenweise fast unbefahrbar, führt dann aber tatsächlich wieder auf die Küstenstraße zurück.

 

Ich fahre 40 Kilometer, will eigentlich noch weiter, aber die Weisheit meiner 47 Jahre obsiegt: aus leidvoller Erfahrung habe ich gelernt, dass man später irgendwie auch wieder zurückfahren muß. Als mäßig trainiertem Flachlandradler aus der oberrheinischen Tiefebene (höchste Erhebungen sind Autobahnbrücken) reichen mir 80 Kilometer wellige Küstenstraße als Tagesetappe völlig aus. Die Entscheidung war klug, denn alsbald macht sich heftiges Arschweh, gepaart mit allgemeinem Erschöpfungszustand bemerkbar. Zu viele Zigaretten auf dem Sofa vor dem Fernseher. Auf dem Rückweg entdecke ich noch einen aufgegebenen Campingplatz, dessen Werbeschild mit der Aufschrift „WARMEDUSCHN“ (kein Tippfehler) heute auch niemand mehr überzeugen würde. Daß man einen deutschen Urlauber mit warmer Dusche locken konnte, muss schon einige Zeit zurückliegen.

 

Mein Campingplatz ist erwartungsgemäß völlig tot, und wenn im Wohnmobil nicht eine große Spinne über die Decke gekrabbelt wäre, hätte ich überhaupt nichts erlebt. Ein paar Dosen Bier helfen, den Schlummer herbeizulocken.

 


Sonntag, Die Bezwingung des Berges

 

Das Straßennetz ist sehr übersichtlich. Es gibt die Küstenstraße, die von Norden nach Süden führt, und gelegentlichen Schlenkern nach Ost und West nicht abgeneigt ist. Das wars im Wesentlichen, alle 10 Kilometer findet eine Abzweigung Richtung Gebirge statt. Eine davon nehme ich heute unter die Räder. Die Steigung ist wie immer ein Schock, der erste Gang wird zur dauerhaften Übersetzung. Wichtig dabei ist, alle halbe Stunde anzuhalten und eine Zigarette zu rauchen. Man muß dem Körper geben, was er braucht. Eine Nikotinunterversorgung wäre jetzt das Schlimmste. Einige Kilometer geht das so, mittlerweile habe ich gelernt, auf Teilstücken, die nur leicht ansteigen, zu entspannen und den Puls herunterzufahren. Der Schweiß tropft mir vom Gesicht auf den Lenker, die Sonne meint es gut heute. Zum Dank gibt es ein atemberaubendes Panorama auf das dinarische Gebirge (auch „dinarische Alpen“, Wikipedia sei Dank) und den Überblick über die zahlreichen Inseln vor der Küste. Das schönste aber ist, dass ich fast der einzige Mensch weit und breit zu sein scheine, und ganz sicher der einzige Fahrradfahrer. Es ist die erste Region meines Lebens, in der mich nicht irgendwann ein Rennradfahrer in lustig-buntem Trikot überholt. Auch E-Bike-Fahrern wäre längst die Batterie abgeraucht. Stolz über die eigene Leistung und geblendet von der Aussicht stellt sich ein erhabenes Gefühl ein. Ein Auto kommt mir entgegen, der Fahrer sieht mich erst unmittelbar nach Überfahren einer Kuppe. Er ist überrascht, lacht mich an und gibt mir das Daumen-hoch-Zeichen.

 

Hier oben in den Bergen finden sich die sogenannten Mirila, Totengedenkstätten der Bergbevölkerung. Vom 17. Jahrhundert bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg wurden hier Gedenksteine für die Verstorbenen errichtet, die von Trägern beschwerlich bis ins Tal getragen wurden.

 

Alles hat irgendwann ein Ende, und egal welche Abzweigung ich nehme, sie endet immer am Haus eines Bergbauern. Was genau die Bergbauern bauen bleibt obskur, an Landwirtschaft ist auf dem felsigen steilen Boden jedenfalls nicht zu denken. Ich sehe Ziegen und Hühner. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, offensichtlich auch,  weil sie nicht von Touristen überschwemmt werden. Die komplette Straße samt allen Abzweigungen ist abgefahren, irgendwann ist eben mal Schluß, dann kommt nur noch der Berg. Ohne Wege. Ein freundlicher Anwohner bestätigt mir das, und spricht dabei sogar gut deutsch. Befriedigt kehre ich um, ich habe mein möglichstes getan. Daß meine Kondition bei den nächsten Höhenmetern ohnehin kapituliert hätte, spielt jetzt keine Rolle mehr. Der Berg ist bezwungen! Auf den ersten 300 Metern der Abfahrt verfolgt mich noch der kläffende Hund des letzten Bergbauern, hat aber auf der abschüssigen Strecke nicht die Spur einer Chance.

 

Die Abfahrt ist ernüchternd: wie schnell die hart erarbeiteten Höhenmeter verrinnen ist deprimierend.

 

Als ich unten wieder auf die Küstenstraße treffe, fahre ich noch ein Stück weiter. Unter mir, in einer winzigen Bucht, liegt eine handvoll Häuser und ein kleiner Hafen. Die meisten der Häuser sind nur noch Ruinen, Dächer fehlen, und Bäume und Gebüsch wachsen aus ihnen heraus. Ich finde einen Weg hinunter, und die Stimmung ist mysteriös und zeitlos. Die Gemäuer sind aus unbehauenen Steinen errichtet und scheinen sehr alt zu sein. Über einem Eingangstor lese ich die Inschrift „Porta Croatiae, 1722 – 1992“. Auch aus den offensichtlich noch bewohnten Gebäuden ist kein Laut zu hören, die Stille ist unheimlich. Nur über mir auf der Küstenstraße läuft eine alte Frau auf und ab und schreit beharrlich in ein Handy.

 

Zurück auf dem Campingplatz stelle ich bestürzt fest, dass nicht nur mein Biervorrat auf erschreckend niedrigem Niveau liegt, sondern auch der kleine Laden nebenan geschlossen hat. Nur weil heute Sonntag ist. Meine Hoffnungen ruhen auf dem Restaurant, das zum Campingplatz gehört, bis ich dort erfahre, dass nicht nur heute geschlossen ist, sondern auch gleich für den Rest des Jahres. Die Saison ist vorbei.

 

Es wird früh dunkel hier, und danach ist das Leben wie erloschen.



Montag. Der Berg gewinnt

 

Der Campingplatz ist mittlerweile fast leer, ich bin einer der letzten, die ausharren. Über allem liegt längst der melancholische Hauch der Nachsaison. Oder hat der Platz schon längst geschlossen, und ich habe es nicht gemerkt?

 

Ich bin für meine Verhältnisse früh aufgestanden, habe den Vormittag mit Kaffee und Lesen vertrödelt. Dann wie immer zunächst auf die Küstenstraße. Ein Autofahrer rast an mir vorbei, passt nicht auf, und streift mich mit dem Außenspiegel am Oberschenkel. Ich bleibe im Sattel, bin nicht verletzt, und es tut nicht mal richtig weh. Aber ein  kleiner Schock begleitet mich die nächsten Minuten. Es ist wie beim Motorradfahren: vorsichtiges Fahren verlängert das Leben, aber die Erkenntnis, dass die eigene Gesundheit auch dem Gutwill und der Aufmerksamkeit anderer anvertraut ist, ist beunruhigend.

 

Ich nehme eine Abfahrt ins Gebirge, ein Schild weist in der Landessprache in zehn Kilometern etwas aus, das ich spontan und mit Phantasie als „alte Ruine“ übersetze. Schnell wird offensichtlich, dass damit wohl zehn Höhenkilometer gemeint waren. 27 Gänge sind toll, 28 wären besser. Wäre ich allerdings noch eine Spur langsamer, würde ich einfach umkippen. Im ersten Gang nutze ich die volle Straßenbreite aus und fahre Zickzack, um die Steigung zu überlisten. Nebenbei wundere ich mich, wo der Muskelkater bleibt, den ich gestern von rechts wegen heraufbeschworen habe. Eine Herde Ziegen wird vor meinen Augen von einer Hirtin über den Berg geführt. Jetzt wird mir der Ursprung der Exkremente auf dem Straßenbelag klar. Die Ziegen sind fotografisch kooperativ, wie sie fast malerisch die Straße überqueren. Die Hirtin grüßt freundlich zurück, später treffe ich sie noch einmal auf dem Heimweg. War die gestrige Tour steil, so ist es heute noch schlimmer. Ich rette mich von Spitzkehre zu Spitzkehre, von Serpentine zu Serpentine. Man kann immer nur einen kurzen Straßenabschnitt einsehen, und immer denke ich, dass es nach der nächsten Biegung endlich bergab gehen müsste. So schleppe ich mich von Kurve zu Kurve, bis irgendwann klar wird: es reicht. Hier stehe ich, ich kann nicht weiter. Ich lasse mich auf einen Stein fallen, trinke Wasser und transpiriere, was das Zeug hält. Heute hat der Berg gewonnen. In Wirklichkeit ist natürlich nur der große Rucksack mit der schweren Fotoausrüstung schuld.

 

Die Müdigkeit obsiegt, aber die Neugier gibt nicht auf. Zu Fuß gehe ich die 50 Meter bis zur nächsten Biegung und werde überrascht. Unterhalb der Straße liegt eine Ansammlung alter, verfallener Bauernhäuser. Die Lebensgeister kehren zurück, und hier – ich gestehe – habe ich das Fahhrad zum ersten Mal auf asphaltierter Straße geschoben. Die Siedlung scheint  seit längerer Zeit aufgegeben, allein die Zisterne mit dem Wassereimer an der Kette ist noch intakt.

 

Abfahrt wie gestern: schnell, kurz und furchteinflößend. Auf der Küstenstraße liegt eine tote Schlange. Zurück auf dem Campingplatz offenbart sich, dass das Fahrrad neue Bremsbeläge braucht. Ich habe in einer Woche mehr Höhenmeter zurückgelegt und abgebremst als im bisherigen Leben.

 

Der kleine Laden hat wieder geöffnet, es gibt frisches Bier und ich brate ein paar Würstchen dazu.

 

Es ist halb zwölf nachts, ich sitze unter der Markise des Wohnmobils. Ein Gewitter zieht vom Meer aufs Land, über mich hinweg, und der Regen prasselt. Als beruflicher Vermieter von Wohnmobilen ist das erste, was ich meinen Mietkunden einschärfe, dass die Markise einen reinen Sonnenschutz darstellt und bei schlechtem Wetter bitteschön umgehend einzufahren ist.

 

 



Dienstag. Aus und vorbei

 

 

Die Tage sind gezählt, das Ende naht. Morgen werde ich zurückfahren. Es ist der wärmste und sonnenreichste Tag bisher. Ich radle müßig die Küstenstraße entlang, Richtung Norden, in einer Bucht lege ich mich in die Sonne und lese. Auf dem Rückweg passiere ich wieder das halbverlassene Dorf von vorgestern. Wieder ist keine Spur menschlichen Lebens auszumachen, alles liegt zeitlos da, im Dornröschenschlaf. Ich entdecke die alte Frau wieder, die letztesmal oben telefonierte. Ganz klein ist sie da unten. Sie ist komplett in schwarz gekleidet, ihr weißes Haar hebt sich ab. Die Wächterin des verlorenen Dorfes.

 

Der Tag ist schnell zu Ende erzählt, weiter passiert nichts.

 

Auf dem Campingplatz herrscht Totenstille. Es ist so windstill, dass das Meer den Wellengang eingestellt hat. Auf der Küstenstraße fahren kaum noch Autos, die Einheimischen sind damit beschäftigt, Brennholz zu sägen. Man spürt, dass der Sommer zu Ende geht. Die Rezeption ist mittlerweile nur noch ein paar Stunden am Vormittag besetzt, alles wird heruntergefahren, und ich entwickle eine Ahnung, wie es in den Wintermonaten abseits der Touristensaison zugehen muß. Das Land gehört wieder den Bergbauern und Fischern.

 

Ich habe schwere Beine, der lange erwartete und herausgeforderte Muskelkater kommt.