Cavtat, Kroatien:

Kurze Rede einer langen Reise


Das Bergpanorama der Dolomiten, ein wunder Hintern und eine Band, die UB40-Songs als Countryversion spielt: das bleibt als Quintessenz, wenn man mit dem Motorrad nach Cavtat fährt. Dort sitze ich beim  zweiten Bier an der Hafenpromenade und lasse die letzten drei Tage Revue passieren. Neben einigen fahrerisch erregenden Alpenpässen steht noch die kroatische Küstenstraße auf der Habenseite, die mein ADAC-Führer von 1984 zu den  weltweit führenden Küstenstraßen rechnet. Wer Motorrad fährt, sollte die mindestens einmal unter die Räder genommen haben, bevor er den Löffel oder den Führerschein abgibt. Ich habe es mehrmals getan, werde dafür aber auf das Pflanzen eines Baumes verzichten.

 

Die Band hat sich mittlerweile auf Johnny Cash und Elvis eingeschossen, was eine Gruppe irischer Touristen an den Rand der Extase treibt. Warum die nicht in Frankreich bei der gerade stattfindenden Fußballeuropameisterschaft sind bleibt obskur. Wahrscheinlich durften die Frauen das Reiseziel wählen, und die Männer haben nicht auf den Termin geachtet. So entstehen Tragödien.

 

 

Die Band watet derweil tapfer über Creedende Clearwater Revival bis zu Bill Haley durch alle Untiefen der Musikhistorie. Wenn man so unter Palmen sitzt, und die Lichter übers nächtliche Hafenwasser glitzern, lässt sich einiges ertragen, und vieles ist entschuldigt. Cavtat könnte das Venedig der Adria sein, wäre es nicht auf dem Granitstein des Balkans gebaut. Während das 20 Kilometer nördlich gelegene Dubrovnik schwer an der Last seiner historischen Bedeutung trägt – und Millionen kulturbeflissene Touristen über sich ergehen lässt  – hat sich Cavtat eine beneidenswert leichte Mischung aus Mondänität und Fischerromantik bewahrt. Es ist sozusagen das Nizza des Balkans. Die Promenade des Anglaises en Miniature mit angeberhaften Privatyachten trifft übergangslos auf Restauthentizität. Hier laufen tatsächlich auch noch echte Fischer auf echten Booten zum Broterwerb aus, respektive zum Fischerwerb.

 

 

Die Band schafft in der Zwischenzeit mühelos den Turnaround zu amerikanischen Balladen, was das britische Publikum mittels verstärkten Orderns alkoholischer Getränke quittiert. Daß sich hier viele Inseleuropäer aufhalten hat nicht nur die (aus Funk und Fernsehen) bekannten Nachteile, sondern bedingt im Gegenzug auch, dass sich das Personal der Restaurants und Bars darauf eingestellt hat, und man auf englisch bestellen und sich im Zweifelsfall sogar unterhalten kann. Ein Hoch also auf das lustige Inselvolk, das uns zwar gerade auf EU-Ebene verlassen will, sprachlich aber immerhin eine internationale Verständigungsebene geschaffen hat, von der alle profitieren. Man möchte ihnen dafür fast die zwanghaft-chronische Handtuchbelegung attraktiver Strandabschnitte nachsehen.

 

 

Die Musiker sind bei Bob Dylan angelangt, und in der jetzt alkoholseeligen Stimmung unter dem mediterranen Mondschein gibt es kein richtig oder falsch mehr, man lässt es ihnen durchgehen und wartet nur noch auf das zwangsweise folgende „Knocking on Heaven`s Door“, den musikalisch kleinsten gemeinsamen Nenner der westlichen Welt. Die kleinen Schiffchen im Hafen schunkeln sich im Rhythmus der Wellen schon mal darauf ein. Weil mir die 450 Landstraßenkilometer des heutigen Tages in den Knochen stecken ziehe ich ernsthaft in Betracht, den Abend aus Erschöpfung vorzeitig zu beenden. Nur um nichts zu verpassen zwinge ich mich, noch ein Bier zu bestellen und warte auf das Ende. Und dann – als völker-, gender- und jahrzehnteübergreifendes Finale kommt „Walk on the wild side“. Wie könnte der Abend jetzt harmonischer enden als mit einer Zugabe von „Imagine“ von John Lennon? Das Meer, der Abend, das Bier und ich sind eine versöhnte Einheit.

 

Menschen tanzen auf der Straße.

 


Mit dem Wurstbrot nach Frankreich

oder: Die Camargue ist wie Holland, nur mit Flamingos.


  

Prolog

 

Mein Arbeitgeber hat mir Urlaub eingeräumt. Etwas widerwillig zwar, aber immerhin. Jetzt liegen mir zwei Wochen zeitlicher Freiheit und dank eines Wohnmobils auch räumliche Ungebundenheit zu Füßen. Ich fühle mich verpflichtet, beides effizient zu nutzen.

 

Wohin soll ich fahren? Die knappe Zeitspanne lässt keine große Rundreise zu, sondern zwingt zur Auswahl eines Ziels. Mein Traum: mit unbegrenzter Zeit die Reise ihren eigenen Rhythmus finden zu lassen - ohne genauen Plan und mit offenem Ausgang einfach jedem Ort die ihm zustehende Zeit zu gewähren. Diese Utopie muss wohl bis zum Ende des Berufslebens warten. Noch dazu ist Urlaubszeit nur geliehen, nicht geschenkt: Am Ende nämlich – wenn einen am ersten Arbeitstag ein überquellender Schreibtisch auslacht, muss man alles wieder zurückzahlen.

 

Wohin also? Unweigerlich zieht es mich, nach langen Jahren der Abstinenz, wieder an die Orte meines jugendlichen Verlangens zurück: den Süden Frankreichs. Wenn ich eine Landkarte der Cote d’Azur anschaue, beschwören alleine die Namen der Städte Erinnerungen, Einbildungen und Sehnsüchte herauf. Beim Klang von Städtenamen wie Nizza, Cannes oder Le Lavandou spüre ich die Hitze des Sommers, sehe tiefblaues Wasser in Meeresbuchten, klassische Villen vor Traumkulissen und eine zeitlose Eleganz leichten Lebens. Eigene Erfahrungen und die Szenerien von Filmklassikern mit Grace Kelly auf den unvergleichlichen Küstenstraßen vermischen sich zu einem geistigen Komplott unentrinnbarer Anziehungskraft. Mit Anfang 20 war ich gefühlt zwei mal im Jahr dort unterwegs gewesen, damals, als die eigenen Ansprüche noch die eines jungen Mannes waren: Motorrad und Schlafsack, fertig. Nach einer Nacht im Freien auf einem Campingplatz in San Remo ergänzte ich die Liste um ein Zelt, als mir im Morgengrauen kalter Regen ins Gesicht klatschte. Gut, San Remo ist nicht die Cote d’Azur, aber Italiens ligurische Küste über Frankreichs Mittelmeerstrände bis zur Camargue waren quasi eine einzige Aneinanderreihung von aufregenden Kurven entlang der Küstenstraße. Wer kümmert sich um geografische Feinheiten, wenn neben der Fahrbahn rechts die Felsmassive und links das Meer den Raum bestimmen, und die Zeit nur aus dem Rhythmus der Windungen der Straße besteht? Ich jedenfalls nicht, der Weg war das Ziel.

 

Alten Erinnerungen nachzujagen statt neue Eindrücke zu schaffen ist eine gefährliche Angelegenheit und geht gerne schief. Erinnerungen sind bunte Seifenblasen, die Substanz zerspringt, doch das Zerrbild darauf bleibt haften. Mir egal, ich gebe der Versuchung nach: Die Camargue soll es werden! Das seltsame flache Land im Rhone-Delta ist das Holland Frankreichs, nur mit Flamingos. Mit meiner Heimat in der oberrheinischen Tiefebene hat es gemein, dass die höchsten Erhebungen nicht Berge sind, sondern Eisenbahnbrücken, wobei die Camargue auch keine Eisenbahn hat. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil beim Fahrradfahren. Wenn ich an meine letztjährigen Eskapaden in den dinarischen Alpen in Kroatien zurückdenke ist das unheimlich attraktiv. Flach soll es sein, einfach nur flach. Camargue, ich komme, je reviens!

 

 



Tag 1

 

 

 

Man kann kaum schreiben, die Sonne blendet, auf dem Bildschirm meines Notebooks ist nichts zu sehen. Mit 50 Jahren Lebenserfahrung und noch dazu als Fotograf hätte man eigentlich wissen können, dass auch ein großes Wohnmobil um die Mittagszeit höchstens unter dem Fahrzeug Schatten spendet, aber nicht daneben, wo ich jetzt sitze. Ich schnippse meine Zigarettenkippe an den Straßenrand, beobachte wie sie fliegt, sich in der Luft dreht, auf dem Asphalt landet und schließlich im kümmerlichen Grün einer unscheinbaren Pflanze ausrollt. Es ist genau die Pflanze, die sich auf meiner Terrasse wie Unkraut in jedem Blumentopf breitmacht, und für einen Moment sehe ich mich dort zuhause sitzen. Hunderte von den Trieben habe ich herausgerupft, und für eine spießbürgerliche Ordnung gesorgt. Endlich bietet sich die Gelegenheit zu erfahren, was aus ihnen geworden wäre, hätte man sie wachsen lassen: Nichts. Unkraut, unscheinbares, nur des Herausrupfens wert. Warum wächst nur Unkraut wie Unkraut, und Orchideen nicht?

 

Ich bin die halbe Nacht gefahren, habe am Straßenrand übernachtet und mache Frühstück. Ein Vorteil beim Verreisen mit dem Wohnmobil liegt darin, dass man nicht drei Tage vorher den Kühlschrank leer essen muß und am Tag der Abreise die verbleibenden Reste wegwirft. Mit dem Wohnmobil packt man einfach alles um. Deshalb begleiten mich ein halbes Brot und eine ebensolche Leberwurst, um bei diesem Frühstück ein gemeinsames Ende zu finden. Nebenbei kann man sie auch noch als sinnfreien Titel für einen Reiseblog missbrauchen, siehe oben.

 

Frankreichs Süden liegt in der Luft. Der Wind weht anders als zuhause, und das Licht ist nicht dasselbe. Ganz leise schleicht sich ein erstes Gefühl von Urlaub ein. 200 Kilometer bis Arles liegen vor mir, ich rauche vorsichtshalber noch eine (im geliehenen Wohnmobil ist es verboten) und nehme die Straße unter die Räder. Die Landstraße, um genau zu sein, denn die Maut für ein paar hundert Kilometer Autobahn letzte Nacht war höher als das Bruttoinlandsprodukt manches Dritte-Welt-Landes. Dafür waren die Autobahnen schön leer, denn der gemeine Franzose kann sich das noch weniger leisten als ich. Die Landstraßen dagegen sind völlig unberechenbar. Von stattlich ausgebauten, zweispurigen Schnellstraßen bis zu Tempo-30-Zonen malerischer, aber verwinkelter Gassen reicht das Repertoire der Nationalstraßen. Man kommt nicht voran, sieht aber viel.

 

Am späten Nachmittag erreiche ich - zusammen mit einer großen Autokolonne - Les Saintes-Marie-de-la-Mer. Kurz vor der Stadtgrenze kommt mir auf der Straße ein pferdegezogener Zug von fünf oder sechs Waggons, die aussehen wie aus dem Kinderferienland, entgegen. Darin sitzen aber nur Erwachsene, das Ganze wirkt ein wenig grenzdebil, und auch die 100 Autofahrer, die im Schritttempo dahinter folgen, wirken nur geringfügig amüsiert. Stadteingangs wirbt eine Touristenattraktion neben der anderen um die Gunst der Anreisenden, Vogelpark, Tennis, geführte Touren, Reiten, wilde Stiere zum Anschauen und zum Verzehr. Noch bevor ich den Marktplatz erreiche, habe ich die Lust an der Stadt verloren. Zum Weiterfahren ist es zu spät, ich bin müde, und außerdem soll man nie nach dem ersten Eindruck gehen. Ich mache mich auf die Suche nach dem ersten Campingplatz und finde ihn nicht.

 

Das Navigationsgerät, gepriesen sei es, findet den zweiten Campingplatz der Stadt ohne zu murren. „La Brise“ nennt er sich, und weil ich auf der Hinfahrt mindestens fünf mal die gleiche CD mit Lynyrd Skynnards „They call me the Breeze“ gehört habe, sind beide jetzt für immer untrennbar verschmolzen. Die Briese ist nicht wirklich frisch, eher so ein laues Lüftchen für Anspruchslose. Wenn die Stadt sowieso so viele Touristen anzieht, wieso sich dann noch Mühe geben und einen Campingplatz ansprechend gestalten? Was solls, frischen Wind kann ich auch morgen noch haben, ich lasse mich nieder. Leider wartet der Wind aber nicht bis morgen, sondern fegt unbarmherzig über das Land und bläst mir fröhlich das Abendessen von der Gabel. Ich versuche verzweifelt, im Windschatten des Autos ein geschütztes Plätzchen zu finden.

 

Ich kenne Les-Saintes-Maries-de-la-Mer seit Mitte der achtziger Jahre. Die Stadt mit dem sperrigen Namen hatte damals schon begonnen, sich zu wandeln. Aus dem winzigen, unschuldigen Fischerdorf, das bis Mitte des 19ten Jahrhunderts noch weniger als 700 Einwohner gezählt hatte, begann ein Touristenmagnet zu werden. Bei meinem ersten Besuch war die Richtung schon grob erkennbar, aber noch harmlos. Einheimische hatten begonnen, Teile ihrer Häuser und Anbauten als Apartments zu vermieten. Alles war individuell gestaltet, und liebevoll zusammengeschustert, die Stadt wuchs zwar, aber zunächst noch ohne Plan.

 

Zwei mal im Jahr treffen sich die Zigeuner Europas dort zur Wallfahrt, denn in der örtlichen Kirche werden Reliquien der „Schwarzen Sara“ aufbewahrt, der Schutzheiligen der Sinti und Roma. Dann platzt die Stadt aus allen Nähten, und an den Abenden wird gefeiert, was das Zeug hält. Flamenco an jeder Straßenecke, Gitarrenspieler, Tänzer und Stimmengewirr bis tief in warme Nacht des Südens. Einmal war ich dabei gewesen, und ich werde nie vergessen, wie einer der Protagonisten mir drohte, meine mitgereiste Freundin zu stehlen, denn er sei schließlich Zigeuner und tue das von Rechts wegen und durchaus regelmäßig.

 

Die Zahl der Einwohner hat sich mittlerweile verzehnfacht, die Zigeuner kommen immer noch, aber von der Ursprünglichkeit der Stadt ist nicht mehr viel geblieben. Zu deutlich sind die stadtplanerischen Akzente zu sehen, die alles moderner, aber leider auch völlig austauschbar gestalten. Die neugebaute Strandpromenade kann viel mehr Touristen aufnehmen als die schmalen Stege früher und imitiert problemlos die seelenlose Mondänität namhafter Strandbäder.

 

Wir alle möchten in einem malerischen, unberührten kleinen Fischerdorf Urlaub machen. In einem authentischen Restaurant zu Abend essen, Ruhe und Abgeschiedenheit genießen und Kraft aus dem natürlichen Flair ziehen. Kann das gut gehen, wenn alle die gleiche Idee haben? Es ist wie mit dem Rätsel um das Schweigen, das ich aus Roberto Benignis wundervollem Film „Das Leben ist schön“ kenne: „Sobald du meinen Namen nennst bin ich verschwunden.“ Natürlich sind immer die Heerscharen von anderen Touristen schuld, die das Dorf überschwemmen und zu einem Ferienkarneval degradieren. Selbstkritisch müsste man eigentlich zugeben: Man stehst nicht im Stau, man ist der Stau.

 

 


Tag 2

 

 

 

Am anderen Tag fahre ich weiter. Les-Saintes-Maries habe ich aufgegeben, aber die Camargue als Ganzes noch nicht. Ich lasse mich ohne jede Eile über das flache Land treiben, halte hier, mache ein Foto dort, und finde mich schließlich am Nachmittag auf einem Campingplatz vor den Toren von Aigues-Mortes wieder. Der Platz ist ziemlich leer, denn es ist schon wieder Nachsaison. Nachsaison oder Vorsaison oder gar keine Saison sind meine Reisezeiten, denn im Hauptberuf vermiete ich Wohnmobile, und ein Eisverkäufer macht auch nicht im August Urlaub. Jedenfalls nicht, wenn er halbwegs bei Sinnen ist.

 

 

Weil der Platz so leer ist, darf ich mir in aller Ruhe eine Parzelle aussuchen. Der erfahrene Camper meidet Stellen des Lärms ( Geschirrspülplätze, Kinderhüpfburgen), sucht die entfernte Nähe sanitärer Anlagen, angenehme infrastrukturelle Anbindungen zur Verkaufsstelle morgendlicher Backwaren und – wenn er Langschläfer ist – die schattenfreie Ausrichtung der Parzelle nach Süd-Westen. Alle Kriterien unter einen Hut zu bringen erfordert einen wachen Geist und ist angesichts der Schwere der Entscheidung eines Urlaubstages eigentlich nicht würdig. Also lasse ich mich einfach irgendwo nieder, wo die Sonne gerade scheint und eine Hecke den Mistral abhält.

 

 

 

 

Die nächsten Tage verlaufen ereignislos. Ich esse Pizza, unternehme belanglose Radausflüge durch die Camargue und esse mehr Pizza. Abends ist es viel zu kalt.

 

Die Camargue ist, um es freundlich auszudrücken, kein unfreundliches Land, und um es noch freundlicher auszudrücken überfordert sie den Besucher in keinster Weise durch ständig wechselnde Landschaftsbilder oder Sinneseindrücke. Mit einer nur geringfügig negativeren Grundeinstellung könnte man sogar behaupten, sie sei landschaftlich wenig abwechslungsreich.

 

Nach zwei Tagen habe ich das mittelalterliche Aigues-Mortes gesehen, die nahegelegenen Salinen und schwarze Stiere, die durch flaches Land laufen. Jedem Strauch am Wegesrand bin ich mindestens zwei mal begegnet, und bevor ich anfange, ihnen Namen zu geben, lasse ich mich vom Wetterbericht nach Spanien locken.



Tag 3

 

 

 

Ich will weiter, aber aus Bequemlichkeit verschiebe ich den Aufbruch Stück für Stück über den ganzen Tag. Abends dann gehen mir die Ausflüchte aus, und eine frisch angereiste Vierergruppe, die gegenüber ihr Domizil bezieht und gröhlend die Veranda einweiht, gibt mir den letzten Impuls. Also Wohnmobil startklar machen, auschecken, Abwassertank entleeren, und es ist noch nicht einmal 20h30, als ich mich auf den Weg mache. Eine gute Zeit zum Reisen. Ein Campingplatz bietet Komfort, Sicherheit und Steinofenpizza, wenn man ihn verlässt, begibt man sich wieder auf unsicheres Terrain. Andererseits ist es ein gutes Gefühl, mit gepacktem Auto wieder auf der Straße zu sein. Die Abenteuerlust gewinnt die Oberhand. Ich fahre durch Montpellier Richtung Barcelona, die nächtlichen Landstraßen sind wenig befahren und ich komme gut voran. Auf meinen Reisen in früheren Jahren war ich nie weiter westlich als bis Narbonne gekommen. Ab hier beginnt endlich Neuland. Gegen Mitternacht erreiche ich die Küste bei Perpignon und mache mich auf die Suche nach einem Platz für die Nacht. Ein paar Abzweigungen hier und eine Seitenstraße da: nichts ist mir gut genug. Ein bisschen abgelegen und ruhig soll es sein. In dunkler Nacht ist gar nicht so einfach abzuschätzen, wo man am nächsten Morgen aufwacht.

 

Ich erinnere mich an eine Motorradtour mit Freunden. Wir waren jung und fuhren einfach drauflos, bis abends die Dämmerung einbrach. Unbekümmert schlugen wir unsere Zelte auf einem freien Platz neben der Straße auf. Am nächsten Morgens wurden wir zeitig und eindrucksvoll geweckt, weil uns Bagger und Baumaschinen umkreisten. Wir hatten im Halbdunkel die Baustelle eines Atomkraftwerks als Nachtlager gewählt.

 

Mittlerweile ist es spät geworden, richtig spät, und ich finde schließlich ein idyllisches Plätzchen weit entfernt von allen Straßen. Ein kleiner Wasserlauf schlängelt sich durch eine Wiese, auf der einzelne Obstbäume stehen. Während das Wasser in aller Ruhe vor sich hinplätschert wirft das Mondlicht die Schatten der Baumkronen weich ins Gras. Hier will ich bleiben. Ich trinke ein Bier, lausche den Sternen, die nicht viel sagen, und schlafe friedlich ein.

 

Am frühen Morgen schrecke ich hoch: Schreie, Hundegebell, schließlich fallen Schüsse. Ich versuche zunächst, alles zu ignorieren und auf einen schlechten Traum zu schieben, aber es wird nur noch lauter, und der Lärm kommt näher. Benommen drehe ich mich um und hebe vorsichtig den Kopf, bis ich aus dem Fenster sehen kann. Leichter Morgennebel liegt über der Wiese, der Bach fließt immer noch, und auf der anderen Uferseite sehe ich schemenhaft Hunde und Menschen. Einige der letzteren tragen Gewehre, andere sind laut, und nach einer Weile beginne ich zu verstehen: eine Treibjagd. Wieso jetzt, wieso hier? Können Jäger nicht einfach ausschlafen und ihre Steaks nachmittags im Supermarkt kaufen, wie jeder vernünftige Mensch? Gibt es unter Jägern eigentlich Vegetarier? Nach einer gefühlten Ewigkeit schließlich zieht die Gesellschaft vorbei, wird wieder leiser, und das Hundegebell verliert sich im Wind. Dankbar lasse ich mich in die Kissen fallen und schlafe wieder ein.

 

Das stille Glück indes ist nur von kurzer Dauer, denn – einem alten Naturgesetz folgend – kommt alles, was in die eine Richtung geht, irgendwann auch wieder zurück: eine halbe Tiefschlafphase später passiert mich das Spektakel wieder auf seinem Rückweg. Erschrecken, Aufwachen, wieder einschlafen. Aus Protest werde ich heute nur Tofu essen.

 

 


Tag 4

 

 

 

Ich bin im Norden Spaniens, an der Costa Brava, auf einem Campingplatz am Meer, und habe die abgelegenste Ecke gewählt. Ich möchte eigentlich gar nicht hier sein. Jede Stadt, jeder Ort und jeder Campingplatz hat eine eigene Atmosphäre jenseits der Beschreibbarkeit, und dieser hat die Atmosphäre eines Lagers. In streng geometrisch ausgerichteten Reihen stehen Wohnmobile und Zelte dicht aneinandergedrängt. Alle Reihen laufen auf das Gebäude der Rezeption zu, vor meinem geistigen Auge die Baracke der Lagerleitung. Es hat geregnet, die Wege sind noch nicht abgetrocknet, und zu viele Autoreifen haben Pfützen und Sand in Schlamm verwandelt.

 

Parzelle grenzt an Parzelle, Wohnmobil an Wohnwagen und Zelt an Vorzelt. Wenn jemand aus irgendwelchen Gründen mal auf jegliche Privatsphäre verzichten möchte, ist er hier bestens aufgehoben, und ich gebe die Adresse gerne weiter.

 

Wer John Steinbecks „Früchte des Zorns“ kennt, wird spontan an die Zeltlager erinnert, in denen die reisenden Tagelöhner und die prekär beschäftigen Obstpflücker untergebracht waren. Ich wandle literarisch auf den Spuren der Familie Joad, und der kleine Krämerladen auf dem Platz passt auch ganz wunderbar ins Bild: zu kaufen gibt es wenig, das Wenige dafür zu halsbrecherischen Preisen. Warum auch nicht, der nächste Supermarkt liegt irgendwo im nirgendwo, und wir haben ein Paradebeispiel für ein Monopol. Genau wie die Joads beiße ich mir auf die Zunge und zahle. Immerhin ist die Situation auf dem Zigarettenmarkt entspannt: es gibt einen Automaten (!), den ersten seit einer Woche, und wo mich die Franzosen ohne rot zu werden um 7 Euro 50 für eine Schachtel beraubten, ist es hier die Hälfte. Ich werde einfach mehr rauchen und weniger essen.

 

Überhaupt die Franzosen! Ich muß meine über das ganze Leben hinweg sorgsam aufgebauten Vorurteile samt und sonders über den Haufen werfen. Ich wurde groß im Wissen, dass der gemeine Franzose filterlose Zigaretten raucht, wo er geht und steht und Auto fährt als gäbe es kein Morgen mehr. Was ist aus den Erfindern des Kreisverkehrs geworden, den Pionieren der runden Kreuzungen? Wenn wir in meiner Jugend nach Frankreich fuhren und auf den ersten Kreisverkehr trafen, war das fast so eindeutig, wie den Eiffelturm zu sehen: das war jetzt Frankreich. Die eigentümliche Verkehrsführung war ein Stück nationaler Identität, unverkennbar und einzigartig. Als die Verkehrsplaner vor 20 Jahren nach und nach begannen, auch Deutschland zu verkreiseln, waren wir anfangs noch angenehm überrascht. Ein Kreisel zu hause weckte sogleich Urlaubsgefühle, der Duft von Elsässer Flammkuchen lag quasi in der Luft. Später, als sich zeigte, wie unbeholfen und ungeschickt die Deutschen ihre Kreisel befuhren, spotteten wir, dass unser Volk wohl einige Jahrzehnte verkehrstechnisch-evolutionär hinter den Franzosen zurücklag.

 

Leider haben sich die Franzosen den Deutschen angepasst und nicht umgekehrt. Der gemeine Franzose von heute fährt immer noch einen Kleinwagen von Peugeot oder neuerdings einen Spielzeug-SUV, hat das Kreiselfahren verlernt und benimmt sich überhaupt nur noch mädchenhaft im Straßenverkehr. Mit dem vollgepackten Wohnmobil samt Fahrrad huckepack ist man auf unbekannten Strecken eigentlich nicht der schnellste, aber mehrere Franzosen avancierten selbst gegenüber meinem fahrenden Haus zum Verkehrshindernis. Und wann ich den letzten alten Mann mit einer Gauloises im Mundwinkel gesehen habe, weiß ich auch nicht mehr. Was ist aus der Grand Nation geworden, wofür sollen wir sie noch bewundern?

 

Natürlich bleibt immer noch der Wein, und die Kultur des Trinkens. Der Franzose hat den Wein als höchstes Kulturgut inne, quasi mit der Muttermilch aufgesogen, sozusagen das Slow-Food des Trinkens. Dazu sei nur angemerkt, dass mir in der letzten Bar ein Glas Rosé im Plastikbecher gereicht wurde. Mit Eiswürfeln. A votre Santé!

 

Genug der Franzosen, denn ich habe ihr Land verlassen, und hin zu den Spaniern. Genaugenommen hatte ich noch keinen einzigen Kontakt zu keinem einzigen Spanier, denn die Rezeptionistin des Campingplatzes ist Deutsche, und die Prostituierten, die mir auf einem Parkplatz zuwinkten, waren womöglich Spanierinnen, zählen aber nicht als Kontakt.

 

Der Campingplatz ist mittlerweile totenstill, absolut geräuschlos, so leise dass ich das Blut in meinen Ohren rauschen höre. Offensichtlich bedingt die räumliche Nähe auch einen gemeinsamen zeitlichen Rhythmus. Alle machen immer alles gleichzeitig, duschen, Mittagessen, Abendessen, und jetzt wird eben geschlafen. Unheimlich das Ganze. Es gibt nicht einmal eine Straße, von der das Rauschen von Verkehr zu hören wäre. Eine so monumentale Stille habe ich das letzte Mal in den Wäldern Schwedens wahrgenommen. Ich trinke ein letztes Bier, und hoffe auf gutes Wetter morgen.

 

 


Epilog

 

 

 

Die nächsten beiden Tage verbringe ich mit Fahrradausflügen nach Roses (liegt erwartungsgemäß in die Bucht von Roses) und nach L’Escala (immer noch Bucht von Roses), wo ich beim Besuch der antiken griechischen Ausgrabungsstätte von Empúries versehentlich den Eintritt prelle.

 

Es folgt die Heimfahrt, und zwei Tage später ein lächerlich überfüllter Schreibtisch.

 

 


Blog Reisebericht

Mit Wohnmobil und Fahrrad durch Kroatien

Eine Reise ans Ende der Kräfte


Dienstag. Die Ankunft

 

Es ist zwei Uhr am morgen, als ich das Meer sehe. Eigentlich sehe ich es kaum, aber ich weiß, dass es da ist, denn ich habe die Küstenstraße erreicht. Fast schwarz liegt das Wasser unterhalb der Fahrbahn, nur das Mondlicht glitzert träge auf den flachen Wellenkämmen. Alles ist ruhig.

 

Nach der Fahrt durch Österreich und über kleine slowenische Landstraßen habe ich den Ort erreicht, an dem mein Urlaub beginnen soll: die kroatische Adria unterhalb Istriens. Der Tag war lang, ich bin müde, und am Straßenrand finde ich ein Plätzchen für das Wohnmobil.

Der größte Vorteil eines Wohnmobils im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln besteht darin, dass es über einen Kühlschrank verfügt, und – bei entsprechender Vorsorge – jederzeit kaltes Bier verfügbar ist. Ein solches hole ich jetzt heraus, setze mich still auf einen Campingstuhl (ebenfalls aus dem Wohnmobil, aber nicht gekühlt) und schaue den Sternen zu, die nichts weiter tun, als unbekümmert vor sich hinzuleuchten.

 

 



Wohnmobil Reisemobil

Mittwoch. Die Entdeckung einer Insel

 

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist das Meer immer noch da. Graublaue Wolkenberge türmen sich darüber, während auffrischender Wind die Reste morgendlicher Diesigkeit verweht. Ich koche Kaffee. Die Küstenlinie nach Süden ist ein dunstiges Einerlei, aber nach Norden hin – ganz nah – führt eine Brücke vom Festland zu einer Insel. Während ich den handgemachten Kaffee trinke öffnen sich die Wolken einen Spalt, und erste Sonnenstrahlen tauchen die Brücke in warmgelbes Licht. Glitzernd und wie eine Einladung liegt sie über dem Meer, und plötzlich kenne ich meinen Weg.

 

Wie sich bald herausstellen soll heißt die Insel Krk, und sie sieht aus, wie ihr Name klingt: schroff, vokallos und felsig. Der erste Blick scheint wenig einladend, der zweite bestätigt den ersten, und den dritten verschiebe ich auf später. Auf dem ersten Campingplatz quartiere ich mich ein und erfreue mich bester Infrastruktur: Aspirin, Hamburger und frische Bananen sind in unmittelbarer Nähe verfügbar.

 

Ich merke, dass mein letzter Campingurlaub schon länger zurückliegt: die sanitären Anlagen auf meinem Platz sind unfassbar sauber, großzügig, modern, und  würden manchem deutschen Mittelklassehotel gut zu Gesicht stehen. Nichts erinnert auch nur im Entferntesten an die Plumpsklos vergangener Tage aus Studentenbilligurlaubszeiten. Dass der Campingplatz über WLan verfügt, überrascht mich dann irgendwann auch nicht mehr. Willkommen im Südosteuropa des 21. Jahrhunderts.

 

Nachdem ich mich eingerichtet habe, beschließe ich, mir einen Überblick über die Insel zu verschaffen. Also packe ich das Fahrrad vom Träger, setze mich darauf, und trete los. Schnell zeigt sich, daß die Insel mit mehr Höhenmetern ausgestattet ist, als mir bewusst war und lieb ist. Als Flachlandradler zeigt mir der erste Höhenzug gleich unmissverständlich, wo meine Grenzen liegen. Vielleicht sollte ich doch lieber einen Roller mieten?

 

Das angrenzende Fischerdorf (mit Promenade am Meer!) hat neben den Geschäften, in denen der gemeine Tourist Ansichtskarten, Taucherflossen, Plantschtiere und Sonnenbrillen kaufen muß, tatsächlich noch einige echte Fischer in petto. Malerisch sehen sie nicht aus, aber authentisch.

 

00:20: ein Fuchs läuft über den Campingplatz.



Donnerstag. Tag der schlechten Radwege

 

Radfahren auf Krk ist etwas ganz besonderes. Die Hauptverbindungsstraße der Insel hat den Charakter einer Autobahn und gefühlt alpine Steigungen. Der Verkehr ist dicht, LKW rauschen mit minimalem Abstand an mir vorbei. Freiwillig fährt man hier nicht. Auf einer Abfahrt,  als mir noch starker Gegenwind entgegenkommt und mich eine Kolonne Autos überholt, bremse ich aus nackter Angst.

 

Also ab auf die Feldwege. Die sind steinig, schotterig und nicht weniger steil, und enden gerne – vorzugsweise nach extremer Steigung – plötzlich im Nichts. Mit meiner naiv-mitteleuropäischen Erfahrung bin ich immer davon ausgegangen, dass Wege irgendwohin führen. Reisen bildet. Also anhalten, umdrehen, zurückfahren und den nächsten Weg probieren.

 

Dann stelle ich fest, dass fehlende Radwege gar nicht so schlimm sind, denn es gibt noch eine Steigerung: angetäuschte Radwege! Einem solchen gehe ich – anfangs noch angenehm überrascht und freudig - auf den Leim, weist doch eine eindeutige Beschilderung einen  Radweg direkt zu meinem  Campingplatz aus. Der Weg beginnt mit einer drei Kilometer langen Steigung (siehe oben) und endet (siehe oben) im Nichts. Die Straße hört auf, einfach so, als ob nichts wäre. Man hat ja Urlaub, man hat’s nicht eilig. Ein Stück des Weges zurück weist ein neues Schild einen Wanderweg aus, wieder Richtung des Campingplatzes. Nach kurzer Zeit lerne ich: Wanderwege sind nicht Radwege. Wanderwege dürfen so steil sein, dass der letzte meiner 27 Gänge nicht ganz ausreicht. Irgendwie drängt sich auch die Vermutung auf, dass dem Übersetzer der kleine Unterschied zwischen „wandern“ und „klettern“ nicht ganz geläufig war. Kletterwege sind jedenfalls ganz schlecht radzufahren. Den nächsten Fehler begehe ich, als ich einen kleinen Umweg zu einer ausgeschilderten römischen Ausgrabungsstätte einschlage. Der Weg wird schlechter, Fahrradschieben wird zu Fahrradtragen. Die römische Ausgrabungsstätte offenbart schließlich spektakulär drei rudimentäre Wände  eines alten Hauses, in dem angeblich mal irgendjemand gewohnt hat, so genau weiß man es nicht. Wahnsinn! Laut Beschilderung soll der kleine Umweg wieder zum Hauptweg zurückführen. In Wirklichkeit – man ahnt es (siehe oben) – endet der Weg diesmal nicht im Nichts, aber am Meer. Zurück, zurück, zurück, tragen, schieben, tragen, und schon geht es auf halbvernünftigem Weg in die erstrebte Richtung. Ein kleiner Regenschauer dämpft die Euphorie, egal.

 

Auf dem Campingplatz besuchen mich zwei junge Katzen, vielleicht vier oder fünf Monate alt. Offensichtlich Geschwister, verspielt und unglaublich süß. Ich füttere sie mit Limburger Käse, bis sie zutraulich werden. Der Regenschauer wiederholt sich, und ich mache mich zur Strandpromenade auf. Während einer Portion Cevapcici (die Frikadelle des Balkans) wandelt sich das Dauernieseln in einen Regensturm und der Nachhauseweg wird zur Wasserschlacht. Auf dem Platz empfangen mich die Katzen (wieder Limburger Käse). Der Fuchs von gestern wiederholt seinen Auftritt. Aus Verzweiflung gehe ich weit vor Mitternacht zu Bett.



Freitag. Abschied von den Katzen.

 

Es hat die ganze Nacht geregnet, regnet tröpfchenweise weiter, und der Morgenkaffee kann nicht im Freien stattfinden. Wieder Katzen, diesmal Fütterung mit Bratwurst. Das Wetter geht mir auf die Nerven, und ich beschließe, weiter in den Süden zu fahren. Als ich vom Duschen zurückkomme, liegt Katze Nummer 1 friedlich schlummernd auf der Sitzbank des abgeschlossenen Autos. Wie ist die da reingekommen? Käse und Wurst haben sie so anhänglich gemacht, dass ich sie nur mit Gewalt entfernen kann. Aber was muss, das muss..

 

Der Weg nach Süden führt die Küstenstraße entlang. Erinnerungen an zwei Urlaube mit Freunden aus Jugendtagen werden wach, als wir mit jeweils zwei Autos nach Jugoslawien fuhren. An zwei oder drei Stellen glaube ich, Campingplätze oder Ferienwohnungen wiederzuerkennen, in denen wir damals wohnten, obwohl das 25 Jahre her ist. Gute Erinnerung oder Einbildung?

 

Unvergessen der Abend, als sich Freund Markus die legendäre Alkoholvergiftung zuzog. Während wir alle nur gelegentlich an der Whiskey-Flasche nippten, hatte Markus jegliches Maß aus den Augen verloren und gesoffen, als ob es kein Morgen gäbe. Beinahe hätte es auch keins gegeben. Als wir es bemerkten, war es eigentlich schon zu spät. Er war damals Zivi als Rettungssanitäter gewesen und konnte uns genau die Auswirkungen des Alkohols auf sein Nerven- und sonstiges System erklären. Das war, als er noch sprechen konnte. Später wurde uns klar, dass eine Alkoholvergiftung gar nicht so lustig ist. Wir fingen ihn ab, als er unvermittelt auf die Küstenstraße sprang, und teilten uns in Nachtwachen ein, die auf ihn aufpassten. Ein mulmiges Gefühl hatten wir immer dabei, im Ernstfall hätte niemand gewusst, wo ein Krankenhaus zu finden gewesen wäre, und die goldene AOK-Card war auch noch nicht erfunden. Am nächsten Tag war er blaß und leise, schien es aber überstanden zu haben. Als wir abends auf der Terrasse unseres Stammrestaurants aßen, kotzte er noch mal spontan auf den Boden. Ein peinlicher, aber unvergesslicher Moment.

 

Ich halte auf einem Campingplatz entlang der Straße. Hier ist wirklich der sprichwörtliche Hund begraben. Keine Stadt in der Nähe, keine Promenade, keine authentischen Fischer, dafür Ruhe und Abgeschiedenheit. Vor Einbruch der Dunkelheit setze ich mich aufs Fahrrad und fahre eine Stunde die Region ab. Die Straßen sind gut, leidlich flach und ich freue mich auf morgen.



Samstag. Mehr schlechte Radwege

 

 

An Kroatiens Küste hat man nie den Blich aufs freie Meer, weil immer eine Insel vorgelagert ist. Die Küsten sind felsig und fallen steil ab, zusammen mit den Inseln erinnern die schmalen Meeresstreifen an Fjorde. Kroatien ist das Norwegen des Balkans. Vieles hat sich geändert seit meinen Jugendreisen Ende der 80er. Das Gute früher war, dass alles zusammen einfach Jugoslawien hieß, heute ist es komplizierter. Die Küstenstraße fällt steil zum Meer hin ab, direkt neben der Fahrbahn beginnt der Abgrund. Die Abhänge waren damals übersät mit abgestürzten Autowracks. Irgendjemand hat sie weggeräumt, und die Straßen mit Leitplanken gesäumt. Alles wirkt irgendwie europäischer als damals. Neue Häuser werden gebaut, die Autos sind keine submotorisierten Fiat-Lizenzbauten namens Zastava (der Trabi des Balkans) mehr, sondern ganz normale handelsübliche, wie zu hause.

 

Ich wage mich mit dem Fahrrad auf die Küstenstraße. Die Sonne scheint, der Verkehr ist harmlos, und in gemütlichem Tempo rolle ich an den Buchten vorbei. Überraschend zeigt ein Schild einen Nationalpark zur Linken an, und ich biege in die kleine Seitenstraße ab. Zwei französische Radfahrer kommen mir entgegen und erkundigen sich nach der Gegend, aus der ich gerade komme. Im Gegenzug müssen sie mir Rede und Antwort zum Nationalpark stehen, aus dessen Richtung sie gerade kommen.  Den Nationalpark haben sie ausgelassen, stattdessen empfehlen sie mir einen Radweg (!), von dem sie meinen, dass ich ihn auch schaffen könnte, allerdings erst nachdem sie einen kritischen Blick auf die grobstollige Bereifung meines Rades geworfen hatten. Ich erreiche den Nationalpark, eindeutig wird hier nur, dass es Eintritt kostet und steil nach oben geht. Ich frage mich, welche Attraktionen diese Handicaps wettmachen sollen, werde aber nicht wirklich fündig. Am Eingang hängen Fotos von schneebedeckten Bäumen und einer wahrscheinlich seltenen, aber unscheinbaren Blütenpflanze. Wahrscheinlich der Enzian des Balkans. Ich verzichte auf den Park, nehme den Radweg und rechne mit dem schlimmsten. Ich werde nicht enttäuscht: der Weg ist steil, stellenweise fast unbefahrbar, führt dann aber tatsächlich wieder auf die Küstenstraße zurück.

 

Ich fahre 40 Kilometer, will eigentlich noch weiter, aber die Weisheit meiner 47 Jahre obsiegt: aus leidvoller Erfahrung habe ich gelernt, dass man später irgendwie auch wieder zurückfahren muß. Als mäßig trainiertem Flachlandradler aus der oberrheinischen Tiefebene (höchste Erhebungen sind Autobahnbrücken) reichen mir 80 Kilometer wellige Küstenstraße als Tagesetappe völlig aus. Die Entscheidung war klug, denn alsbald macht sich heftiges Arschweh, gepaart mit allgemeinem Erschöpfungszustand bemerkbar. Zu viele Zigaretten auf dem Sofa vor dem Fernseher. Auf dem Rückweg entdecke ich noch einen aufgegebenen Campingplatz, dessen Werbeschild mit der Aufschrift „WARMEDUSCHN“ (kein Tippfehler) heute auch niemand mehr überzeugen würde. Daß man einen deutschen Urlauber mit warmer Dusche locken konnte, muss schon einige Zeit zurückliegen.

 

Mein Campingplatz ist erwartungsgemäß völlig tot, und wenn im Wohnmobil nicht eine große Spinne über die Decke gekrabbelt wäre, hätte ich überhaupt nichts erlebt. Ein paar Dosen Bier helfen, den Schlummer herbeizulocken.

 


Sonntag, Die Bezwingung des Berges

 

Das Straßennetz ist sehr übersichtlich. Es gibt die Küstenstraße, die von Norden nach Süden führt, und gelegentlichen Schlenkern nach Ost und West nicht abgeneigt ist. Das wars im Wesentlichen, alle 10 Kilometer findet eine Abzweigung Richtung Gebirge statt. Eine davon nehme ich heute unter die Räder. Die Steigung ist wie immer ein Schock, der erste Gang wird zur dauerhaften Übersetzung. Wichtig dabei ist, alle halbe Stunde anzuhalten und eine Zigarette zu rauchen. Man muß dem Körper geben, was er braucht. Eine Nikotinunterversorgung wäre jetzt das Schlimmste. Einige Kilometer geht das so, mittlerweile habe ich gelernt, auf Teilstücken, die nur leicht ansteigen, zu entspannen und den Puls herunterzufahren. Der Schweiß tropft mir vom Gesicht auf den Lenker, die Sonne meint es gut heute. Zum Dank gibt es ein atemberaubendes Panorama auf das dinarische Gebirge (auch „dinarische Alpen“, Wikipedia sei Dank) und den Überblick über die zahlreichen Inseln vor der Küste. Das schönste aber ist, dass ich fast der einzige Mensch weit und breit zu sein scheine, und ganz sicher der einzige Fahrradfahrer. Es ist die erste Region meines Lebens, in der mich nicht irgendwann ein Rennradfahrer in lustig-buntem Trikot überholt. Auch E-Bike-Fahrern wäre längst die Batterie abgeraucht. Stolz über die eigene Leistung und geblendet von der Aussicht stellt sich ein erhabenes Gefühl ein. Ein Auto kommt mir entgegen, der Fahrer sieht mich erst unmittelbar nach Überfahren einer Kuppe. Er ist überrascht, lacht mich an und gibt mir das Daumen-hoch-Zeichen.

 

Hier oben in den Bergen finden sich die sogenannten Mirila, Totengedenkstätten der Bergbevölkerung. Vom 17. Jahrhundert bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg wurden hier Gedenksteine für die Verstorbenen errichtet, die von Trägern beschwerlich bis ins Tal getragen wurden.

 

Alles hat irgendwann ein Ende, und egal welche Abzweigung ich nehme, sie endet immer am Haus eines Bergbauern. Was genau die Bergbauern bauen bleibt obskur, an Landwirtschaft ist auf dem felsigen steilen Boden jedenfalls nicht zu denken. Ich sehe Ziegen und Hühner. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, offensichtlich auch,  weil sie nicht von Touristen überschwemmt werden. Die komplette Straße samt allen Abzweigungen ist abgefahren, irgendwann ist eben mal Schluß, dann kommt nur noch der Berg. Ohne Wege. Ein freundlicher Anwohner bestätigt mir das, und spricht dabei sogar gut deutsch. Befriedigt kehre ich um, ich habe mein möglichstes getan. Daß meine Kondition bei den nächsten Höhenmetern ohnehin kapituliert hätte, spielt jetzt keine Rolle mehr. Der Berg ist bezwungen! Auf den ersten 300 Metern der Abfahrt verfolgt mich noch der kläffende Hund des letzten Bergbauern, hat aber auf der abschüssigen Strecke nicht die Spur einer Chance.

 

Die Abfahrt ist ernüchternd: wie schnell die hart erarbeiteten Höhenmeter verrinnen ist deprimierend.

 

Als ich unten wieder auf die Küstenstraße treffe, fahre ich noch ein Stück weiter. Unter mir, in einer winzigen Bucht, liegt eine handvoll Häuser und ein kleiner Hafen. Die meisten der Häuser sind nur noch Ruinen, Dächer fehlen, und Bäume und Gebüsch wachsen aus ihnen heraus. Ich finde einen Weg hinunter, und die Stimmung ist mysteriös und zeitlos. Die Gemäuer sind aus unbehauenen Steinen errichtet und scheinen sehr alt zu sein. Über einem Eingangstor lese ich die Inschrift „Porta Croatiae, 1722 – 1992“. Auch aus den offensichtlich noch bewohnten Gebäuden ist kein Laut zu hören, die Stille ist unheimlich. Nur über mir auf der Küstenstraße läuft eine alte Frau auf und ab und schreit beharrlich in ein Handy.

 

Zurück auf dem Campingplatz stelle ich bestürzt fest, dass nicht nur mein Biervorrat auf erschreckend niedrigem Niveau liegt, sondern auch der kleine Laden nebenan geschlossen hat. Nur weil heute Sonntag ist. Meine Hoffnungen ruhen auf dem Restaurant, das zum Campingplatz gehört, bis ich dort erfahre, dass nicht nur heute geschlossen ist, sondern auch gleich für den Rest des Jahres. Die Saison ist vorbei.

 

Es wird früh dunkel hier, und danach ist das Leben wie erloschen.



Montag. Der Berg gewinnt

 

Der Campingplatz ist mittlerweile fast leer, ich bin einer der letzten, die ausharren. Über allem liegt längst der melancholische Hauch der Nachsaison. Oder hat der Platz schon längst geschlossen, und ich habe es nicht gemerkt?

 

Ich bin für meine Verhältnisse früh aufgestanden, habe den Vormittag mit Kaffee und Lesen vertrödelt. Dann wie immer zunächst auf die Küstenstraße. Ein Autofahrer rast an mir vorbei, passt nicht auf, und streift mich mit dem Außenspiegel am Oberschenkel. Ich bleibe im Sattel, bin nicht verletzt, und es tut nicht mal richtig weh. Aber ein  kleiner Schock begleitet mich die nächsten Minuten. Es ist wie beim Motorradfahren: vorsichtiges Fahren verlängert das Leben, aber die Erkenntnis, dass die eigene Gesundheit auch dem Gutwill und der Aufmerksamkeit anderer anvertraut ist, ist beunruhigend.

 

Ich nehme eine Abfahrt ins Gebirge, ein Schild weist in der Landessprache in zehn Kilometern etwas aus, das ich spontan und mit Phantasie als „alte Ruine“ übersetze. Schnell wird offensichtlich, dass damit wohl zehn Höhenkilometer gemeint waren. 27 Gänge sind toll, 28 wären besser. Wäre ich allerdings noch eine Spur langsamer, würde ich einfach umkippen. Im ersten Gang nutze ich die volle Straßenbreite aus und fahre Zickzack, um die Steigung zu überlisten. Nebenbei wundere ich mich, wo der Muskelkater bleibt, den ich gestern von rechts wegen heraufbeschworen habe. Eine Herde Ziegen wird vor meinen Augen von einer Hirtin über den Berg geführt. Jetzt wird mir der Ursprung der Exkremente auf dem Straßenbelag klar. Die Ziegen sind fotografisch kooperativ, wie sie fast malerisch die Straße überqueren. Die Hirtin grüßt freundlich zurück, später treffe ich sie noch einmal auf dem Heimweg. War die gestrige Tour steil, so ist es heute noch schlimmer. Ich rette mich von Spitzkehre zu Spitzkehre, von Serpentine zu Serpentine. Man kann immer nur einen kurzen Straßenabschnitt einsehen, und immer denke ich, dass es nach der nächsten Biegung endlich bergab gehen müsste. So schleppe ich mich von Kurve zu Kurve, bis irgendwann klar wird: es reicht. Hier stehe ich, ich kann nicht weiter. Ich lasse mich auf einen Stein fallen, trinke Wasser und transpiriere, was das Zeug hält. Heute hat der Berg gewonnen. In Wirklichkeit ist natürlich nur der große Rucksack mit der schweren Fotoausrüstung schuld.

 

Die Müdigkeit obsiegt, aber die Neugier gibt nicht auf. Zu Fuß gehe ich die 50 Meter bis zur nächsten Biegung und werde überrascht. Unterhalb der Straße liegt eine Ansammlung alter, verfallener Bauernhäuser. Die Lebensgeister kehren zurück, und hier – ich gestehe – habe ich das Fahhrad zum ersten Mal auf asphaltierter Straße geschoben. Die Siedlung scheint  seit längerer Zeit aufgegeben, allein die Zisterne mit dem Wassereimer an der Kette ist noch intakt.

 

Abfahrt wie gestern: schnell, kurz und furchteinflößend. Auf der Küstenstraße liegt eine tote Schlange. Zurück auf dem Campingplatz offenbart sich, dass das Fahrrad neue Bremsbeläge braucht. Ich habe in einer Woche mehr Höhenmeter zurückgelegt und abgebremst als im bisherigen Leben.

 

Der kleine Laden hat wieder geöffnet, es gibt frisches Bier und ich brate ein paar Würstchen dazu.

 

Es ist halb zwölf nachts, ich sitze unter der Markise des Wohnmobils. Ein Gewitter zieht vom Meer aufs Land, über mich hinweg, und der Regen prasselt. Als beruflicher Vermieter von Wohnmobilen ist das erste, was ich meinen Mietkunden einschärfe, dass die Markise einen reinen Sonnenschutz darstellt und bei schlechtem Wetter bitteschön umgehend einzufahren ist.

 

 



Dienstag. Aus und vorbei

 

 

Die Tage sind gezählt, das Ende naht. Morgen werde ich zurückfahren. Es ist der wärmste und sonnenreichste Tag bisher. Ich radle müßig die Küstenstraße entlang, Richtung Norden, in einer Bucht lege ich mich in die Sonne und lese. Auf dem Rückweg passiere ich wieder das halbverlassene Dorf von vorgestern. Wieder ist keine Spur menschlichen Lebens auszumachen, alles liegt zeitlos da, im Dornröschenschlaf. Ich entdecke die alte Frau wieder, die letztesmal oben telefonierte. Ganz klein ist sie da unten. Sie ist komplett in schwarz gekleidet, ihr weißes Haar hebt sich ab. Die Wächterin des verlorenen Dorfes.

 

Der Tag ist schnell zu Ende erzählt, weiter passiert nichts.

 

Auf dem Campingplatz herrscht Totenstille. Es ist so windstill, dass das Meer den Wellengang eingestellt hat. Auf der Küstenstraße fahren kaum noch Autos, die Einheimischen sind damit beschäftigt, Brennholz zu sägen. Man spürt, dass der Sommer zu Ende geht. Die Rezeption ist mittlerweile nur noch ein paar Stunden am Vormittag besetzt, alles wird heruntergefahren, und ich entwickle eine Ahnung, wie es in den Wintermonaten abseits der Touristensaison zugehen muß. Das Land gehört wieder den Bergbauern und Fischern.

 

Ich habe schwere Beine, der lange erwartete und herausgeforderte Muskelkater kommt.